Präsident deluxe SL von 1977

Baujahr: 1977
Seriennummer: 75730439
Herkunft: Robotron, Erfurt, DDR
Schriftart: Scipt Ro 75, eine Schreibschrift (Gibt’s natürlich meist mit Pica oder gerader Schrift)
Farbband: 13 mm, zweifarbig

Ihr Name ist pure Protzerei

Präsident deluxe SL, das klingt zunächst einmal nach den allerhöchsten Weihen einer Luxus Oberklasse. Es scheint, mehr ginge hier nicht. Das Kürzel „SL“ war in den 1970ern ein Wohlklang welches oft an Luxusautos prangte. Am Mercedes Roadster, Cabrio oder am Coupé 280 SL zum Beispiel. Es soll uns suggeriere das die Präsident deluxe SL eine Schreibmaschine der oberen Luxus Klasse sei.

Soweit, so gut!
„Aber, dieses Modell hier macht nur einen auf „Dufte“ und „Obercool“

Luxus finde sich an ihr lediglich in homöopathischer Dosierung, denn sie hat nicht einmal einen Tabulator. Nennen wir es beim Namen, es ist eine Billig-Schreibmaschine aus Plastik. Es gibt/gab wahrlich wesentlich bessere Erikas die aus der Vorkriegszeit stammen.

Die Wahrheit der Präsident(in)

Ja, die Wahrheit lautet das sich hinter ihrem opulenten Namen weder ein Präsident, noch purer Luxus und schon gar kein „SL“, also kein „Super Luxus“ verbirgt.
Dafür aber, und das ist Luxus für mich, ein sehr verborgenes Kürzel das da lautet: RO75!

RO75, was ist das denn?“

Ja, RO75 soll hier keine Verbindung zur technischen Raffinesse eines RO80 herstellen, ein Auto das, wie ein 280 SL, ebenfalls in den 1970er Jahren für Furore sorgte weile es das erste mit einem Wankelmotor war, also sehr Exklusiv war.

Das RO75 ist hier eher klein und verborgen auf jeder Type zu finden, also auf den Buchstaben. Somit kommt es überhaupt nicht protzerisch und luxusheischend daher, sondern eher bescheiden. Dennoch bedeutet es das diese Schreibmaschine mit einer besonders schönen Schriftart ausgerüstet ist. Diese heißt auch „Script“ und ist … Lange Rede, kurzer Sinn, eine wunderschöne Schreibschrift die für mich puren Luxus bedeutet.

Das ist RO75. Sehr schön, und ihr wahrer Luxus.

DDR goes BRD

Die sehr viel interessantere Wahrheit jedoch lautet, dass die Präsident deluxe SL neben ihrem Hochstechenden Namen, der im übrigen ein Falschname ist, auch noch ein Wirtschaftsflüchtling ist, oder besser gesagt sie war es. Sie ist einst aus der ehemaligen DDR zu uns in den Westen gekommen, weil die Bundesbürger in den 1970er Jahre begannen zu entdeckten das billig auch ganz toll ist, und man in der DDR immer mehr auf westliche Devisen angewiesen war.
Man musste plötzlich für eine Qualitäts Schreibmaschine keinen Kredit mehr aufnehmen, weil eine wirklich gute Schreibmaschine, zum Beispiel eine Adler, seinerzeit durchaus mal einen Halben Monatslohn kostete.

Billiger ging es mit Waren aus dem damaligem Nachbahrland DDR. Nun kostete eine Schreibmaschine nicht mehr 500 Mark, sondern nur noch 180 Mark. Das man hierfür jedoch keine ausgefeilte technische Qualität erwarten konnte ist ja wohl klar. Dennoch wurden solche Produkte gerne gekauft, und der Billig- Discounter sowie die Wegwerfartikel waren damit geboren. In diesem Fall war der Discounter der Kaufhof, und der Wegwerfartikel die Präsident.

Die Präsident stammte also aus der DDR, wurde bei Robotron gebaut und war in Wirklichkeit eine Erika. Sämtliche Indizien die auf eine DDR Produktion hindeuteten wurden entfernt, es wurde der Erika ein etwas anderes Plastikkleidchen verpasst, sie bekam ihren protzigen Namen und fertig war eine Präsident deluxe SL. Sie behielt allerdings ihren aus Pappe gefertigten und sehr dürftig zusammen geschusterten Tragekoffer der beileibe keine Meisterleistung ist.

Entlarvt

Hier zwei Vergleiche zu zwei verschiedenen Erikas die aus DDR- Produktion stammen und auch als solche verkauft wurden.

DDR Erika Daro von 1975 und die Präsident
DDR Erika 127 von 1984 und die Präsident

Wie man sieht, die Präsident ist eine verkappte Erika. Zweifelsfrei! Ähnliches Design, die gleichen Tasten und ein gleiches Innenleben. Und die dünne Pappe auf der sie steht ist ebenfalls die gleiche.

Schreiben mit der Präsident

Auch hierbei überbietet der Vollmundige Name die Funktionalität, denn es ist und bleibt eine Erika aus DDR Produktion.
Ja, sie schreibt! Ja, sie funktioniert, und robust ist sie auch.
Das ist aber auch schon fast alles, denn das Schreibgeräusch ist nicht wirklich harmonisch. Im Vergleich zu anderen Schreibmaschinen ist sie eher ruppig, wenig ladylike, und insgesamt zu laut. Die Tastatur ist mir nicht ergonomisch genug, man gerät beim schneller schreiben oft zwischen die Tasten und schlägt ungewollt zwei Tasten gleichzeitig an. Die Maschine quittiert dann ihren Dienst mit einem Typenstau.

Postiv ist die Farbumschaltung zu erwähnen. Hier gibt es drei Positionen mit deren Einstellung man auf verschiedenen Ebenen schreiben kann. Für mich, der meist mit Einfarbigen Farbbändern schreibt ist das wiederum eine tolle Sache, denn das Farbband kann über die drei Spuren besser ausgenutzt werden. Das ist Ökonomie wie ich sie mag, und das ist wiederum typisch DDR Erika. Des weiteren punktet sie mit einer gut funktionierenden Anschalagregulierung.

Alles in allem ist sie eine gut funktionierende Schreibmaschine die ihren Dienst, auch heute noch, ordentlich tut. Und mit der schönen Schreibschrift RO75 ist es mir persönlich egal, denn die Schrift ist das absolute Highlight. Mit der normalen Schreibmaschinenschrift Pica würde ich eine solche Erika, bzw. Präsident nicht einmal bemerken wenn sie vor mir stünde und winken würde.
Des weiteren ist der Rote Punkt auf der Leertaste zu erwähnen.

Drückt man die Leertaste etwas fester, bewegt sich der Wagen wie von Geisterhand im Schnelltempo vorwärts. Das ist dann ganz praktisch wenn man zu einem bestimmten Textabschnitt vor gehen möchte ohne den Wagen per Hand dort hin schieben zu müssen. Der Nachteil ist jedoch das der dafür verantwortliche Mechansmus nur ein kleiner auf Spannung gebogener Metallsplint ist der per zu kleiner Schraube befestigt ist, der sich dadurch im Betrieb mit der Zeit gerne mal löst oder der seine Spannung wegen Materialermüdung einbüßt.
Dann springt der Wagen, wenn die Leertaste gedrückt wird, gerne mal ein paar Postionen weiter und produziert so ungewollte Leerschritte im Text. Das ist wirklich eine schlampige Lösung. Darauf hätte man besser verzichtet. Ich habe diesen Splint festgesetzt und verzichte dann auf diese Funktion. (Wann braucht man das schon?)
Echte „Luxus“ Maschinen haben hierfür eine Extrataste die von der Leertaste unabhängig ist.

Der Zeilenschalthebel erinnert an ein Rasiermesser

Fazit

Design:
Praktisch und schlicht.
Schriftart:
Schreibschrift. Meistens aber Pica
Verarbeitung:
Plastikgehäuse das, ebenso wie der dünne Koffer etwas klapperig ist, die Mechanik ist simpel aber robust
Schreibkomfort:
Annehmbar, es gibt bessere.
Sammelwürdig:
Nein!
Empfehlenswert zum schreiben:
Ja. Gut als Einstiegsmaschine

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s